Der heutige Gastbeitrag von Anne-Katrin Gaußer und Lisa Peters fasst den Übersichtsartikel von Nina Dohn im International Journal of Computer-Supported Collaborative Learning zusammen. Der Artikel kontrastiert das “Prinzip Web 2.0″ und die gänge Praxis eines Bildungssystems, das externale Anreize, feste Curricula und Wissensaneignung in den Vordergrund stellt.
Das Ziel des Artikels von Dohn ist es, auf die wesentlichen Herausforderungen und Schwierigkeiten hinzuweisen, die entstehen, wenn man Web 2.0 in der gängigen Bildungspraxis (educational practice) etablieren möchte. Entscheidend ist dabei, dass Web 2.0 und die educational practice unterschiedliche Ziele verfolgen und eine unterschiedliche Konzeption von Lernen und Wissen beinhalten.
Die Ziele des Web 2.0 sind internal, d.h. die Partizipation und die Kommunikation im Rahmen des Web 2.0 geschieht um ihrer selbst willen, es werden keine darüber hinausgehenden Ziele verfolgt. Im Rahmen der educational practice werden demgegenüber externale Ziele verfolgt, d.h. über das Lernen sollen bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen angeeignet werden, die die Teilnahme an der sog. „working life practice“ ermöglichen und erleichtern. Es werden also über das eigentliche Lernen hinaus weitere Ziele angestrebt.
Auch hinsichtlich der Konzeption von Wissen und Lernen unterscheiden sich Web 2.0 und educational practice. Die educational practice wird dabei der sog. acquisition metaphor des Lernens zugeordnet, d.h. der Erwerb und die Aneignung von Wissen stehen im Vordergrund. Die educational practice vertritt eine stark individualistische Sicht von Lernen und versteht darunter den Erwerb von individuellen Kompetenzen und Fähigkeiten. Web 2.0 fokussiert hingegen stark den Austausch und die Kommunikation mit Anderen und wird daher der sog. participation metaphor des Lernens zugeordnet. Wissen wird hierbei als dynamisch und vorübergehend betrachtet und kann durch den Austausch mit Anderen stets erweitert und modifiziert werden. Demzufolge stellt Wissen innerhalb des Web 2.0 auch keinen individuellen Besitz dar, sondern umfasst eher einen kollektiven, dynamischen Wissenspool.
Es ist entscheidend sich die unterschiedlichen Ziele und Konzeptionen von Lernen und Wissen bewusst zu machen, wenn man Lernen, was in der educational practice verhaftet ist, auf den Kontext des Web 2.0 übertragen möchte.
Generell werden zu der Frage, wie man mit der Dichotomie zwischen educational practice und Web 2.0 im Lernkontext umgehen soll, zwei Positionen vertreten: Laut der ersten sollen Web 2.0-Tools für den Unterricht so entwickelt und angepasst werden, dass sie zur educational practice passen. Das bedeutet dann natürlich vor dem Hintergrund der verschiedenen ursprünglichen Konzeptionen, dass Web 2.0-Anwendungen ihrer eigentlichen Bestimmung nicht mehr entsprechen, ist aber vielleicht die einfachere Variante.
Die zweite Position sagt, dass eine Anreicherung von Unterricht durch Web 2.0 in seinem eigentlichen Format die educational practice von innen heraus reformieren könnte. Das ist auch die Position, die der Autorin unseres Artikels näher liegt. Sie befürchtet, dass eine reine Anpassung der Web 2.0-Tools an die educational practice potentielle Verbesserungen in der Unterrichtsroutine verhindern würden. Das Verbesserungspotential sieht sie vor allem in der Schaffung eines fließenderen Übergangs zwischen der schulischen Lernwelt und der Außen- und Arbeitswelt: Angestrebt werden solle die Bearbeitung authentischer Aufgaben, die dann auch tatsächlich erfahrbare Konsequenzen mit sich bringen, abgesehen von schulischen Bewertungssystemen.
Die oben genannten wesentlichen Differenzen hinsichtlich der Konzeption und Ziele von Web 2.0 und educational practice, die Dohn in ihrem Artikel aufgezeigt hat, halten wir für nachvollziehbar und zutreffend. Ein weiterer Unterschied zwischen Web 2.0 und educational practice, den wir für sehr entscheidend erachten und der im genannten Artikel kaum betrachtet wurde, ist, dass Lernen im Web 2.0 und nach educational practice unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen erfordern und fördern.
Die educational practice erfordert entsprechend der stark individualistischen Konzeption von Lernen und Wissen vor allem die Fähigkeiten, sich möglichst viel Wissen selbstständig anzueignen und dieses in einer Form abzuspeichern, die es ermöglicht das Gelernte individuell abzurufen und zu reproduzieren.
Im Rahmen des Web 2.0 hat die Verfügbarkeit von individuellem Wissen keine wesentliche Bedeutung. Ein Zugriff auf Wissen ist über viele Wege und stets möglich. Die Informationen, die so erhalten werden können, sind keine individuellen, sondern kollektive Produkte, die sich stets weiter verändern. Eine solche Art der Informationsbeschaffung erfordert eher Kompetenzen und Fähigkeiten im Auswählen, Filtern und Integrieren als das selbständige Produzieren vollständiger Materialien.
Im Artikel wird dahingehend argumentiert, dass die educational practice durch die Anwendung von Web 2.0 von innen heraus reformiert werden müsste, mit dem Ziel, dass das Lernen, statt ein isolierter Bereich des täglichen Lebens zu sein, viel mehr in dieses eingebunden und intrinsisch motiviert betrieben wird. Hintergrund für diese Überlegungen ist sicherlich unter anderem die zunehmende Bedeutung, die das Internet im menschlichen Leben gewinnt, und die Faszination, die damit zusammen hängt Die Frage, der für uns im Text nicht ausreichend nachgegangen wird, ist, ob der einzige und richtige Weg hin zu einem integrierten statt isolierten Lernen über eine Reformation der educational practice zugunsten des Web 2.0 und einer Verschiebung der erforderlichen Fähigkeiten führt. Man kann natürlich fragen, ob es in Zukunft überhaupt einen Weg am Web 2.0 vorbei geben wird, dennoch: Was macht die Fähigkeiten, die durch Web 2.0 gefördert werden, wichtiger als die, die im Rahmen der educational practice notwendig sind? Sind sie das überhaupt oder wie kann man sonst rechtfertigen, dass zugunsten einer Integration von Lernen und Alltag gleich auch andere Kompetenzen gefördert werden sollen?
Während der Diskussion einer ähnlichen Frage in unserem Seminar zum Thema „Kooperatives Lernen“ kamen wir zu dem Schluss, dass zumindest Medienkompetenz im Sinne eines selbstschützenden Umgangs mit der täglichen Reizüberflutung und ständigen Erreichbarkeit eine Fähigkeit ist, die in Zukunft immer wichtiger werden wird. Auch solche Fähigkeiten in der Schule zu erwerben ist sicherlich sinnvoll. Dennoch halten wir es für wichtig, eine Kombination von Fähigkeiten aus Web 2.0 und educational practice zu finden.