Buchgesellschafts-Lern-und Wissenbegriff wuppt Wissensgesellschaft
Meine Überschrift ist ein Zitat aus einem Tweet. Es geht um die Frage ob wir einen neuen Lern/Wissensbegriff brauchen, oder ob wir neue Möglichkeiten des Web mit vorhandene Methoden/Theorien verbinden müssen. Letztlich also die Frage ob eine Wissensgesellschaft 2.0 kompatibel ist mit vorhandenen Strukturen in Schulen und Hochschulen, mit Benotungs- und Bewertungssystemen, mit vorgegeben Lernzielen, zu erwerbenden Kompetenzen und Lernportfolios.
Diese Debatte passt gut zu dem, was ich gestern in einem Vortrag von Dennis Barthel über ein Schulprojekt der Wikimedia gehört habe. Unter der Überschrift “Skepsis säen” ging es um die Frage, wie Lehrer, die vor der Wikipedia warnen und Schülerinnen und Schüler, die die Wikipedia nutzen von einander lernen können. Das spiegelt die Frage wieder: Wie passt der “Buchgesellschafts-Lern-und Wissensbegriff” mit neuen Möglichkeiten eines Web 2.0 zusammen. Schnell wird die Forderung nach einem neuen Wissensbegriff laut, der dem Rechnung trägt, was in Blogs, Wikis und Online-Communities an wissensbezogenen Austausch stattfindet.
Ich sehe noch einen anderen Ausweg, nämlich “Buchgesellschaftskompetenzen” und “die Art wie im Internet gelernt wird” zu integrieren. Die Menschen sind die Gleichen, mit und ohne Buch. Ich möchte das am Beispiel der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan illustrieren, die schon lange vor dem Web 2.0 auch auf Lernen und Wissenserwerb angewendet wurde. Sie besagt, dass Menschen dann motiviert sind (zu lernen), wenn sie sich als autonom, kompetent und sozial eingebunden fühlen. Das gilt für das Lernen aus Büchern genauso, wie für das Lernen im Web 2.0.
Ein weiteres Beispiel ist die Frage, wie ich erkennen kann, ob z.B. ein Eintrag bei Wikipedia (siehe Schulprojekt Wikipedia) glaubwürdig ist oder nicht. Natürlich ist das ein Frage der spezifischen Medienkompetenz. Um die Qualität und Glaubwürdigkeit eines Wikipediaeintrags einschätzen zu können muss ich eine Verständnis über die Funktionsweise der Wikipedia haben, also zum Beispiel wissen, dass jeder jederzeit etwas verändern kann. Gleichzeitig helfen mir aber auch Kompetenz aus der “Buchgesellschaft”. Ich kann zum Beispiel darauf achten, ob ein Text eine klare und objektive Sprache benutzt (im Gegensatz zu einer werbenden oder verkaufenden Sprache), ob ein Text mit Quellen belegt, ob ein Text grammatikalische Fehler aufweist, ob er unterschiedliche Argumente beschreibt oder einseitig formuliert ist, ob ich Informationen über den Autor des Textes erhalten kann. Das alles sind “Daumenregeln”, die im Web 2.0 ähnlich funktionieren, wie im Buchzeitalter und es mir erlauben abzuschätzen, ob ich einer Informationen trauen kann oder nicht.
Fazit: Das Lernen im Internet ist keine Sonderform des Lernen, wir brauchen keinen neuen Lernbegriff. Aber wir müssen diskutieren und ausprobieren, welche Möglichkeiten das Internet bietet und wie es in vorhandene Strukturen integriert werden kann.


