Effektiver Einsatz von Wikis: Der Nutzer profitiert von der Beteiligung am Wiki

Heute der letzte Teil der Blogreihe zum Effektiven Einsatz von Wikis.

Nachdem im vorherigen Beiträgen die organisationalen Rahmenbedingungen thematisiert wurden, wird jetzt auf individuelle oder personale Faktoren eingegangen, die für den Erfolg eines Wikis wesentlich sind. Nicht berücksichtigt werden dabei Faktoren, die in der Persönlichkeit eines Individuums liegen, z. B. der Intelligenz, dem Grad der Extravertiertheit oder dem Bedürfnis nach Struktur. Auch wenn diese Unterschiede zwischen Individuen natürlich Einfluss auf die Beteiligung eines einzelnen Mitglieds an einem Wiki haben, können sie nur schwer durch allgemeine Maßnahmen – organisationaler oder technischer Art – verändert oder verstärkt werden. Beschrieben werden hier deshalb als personale Faktoren die Relevanz der Inhalte des Wikis für die eigene Arbeit, die Möglichkeit, Spaß und Interesse an der Mitarbeit am Wiki zu haben, und die Schulung einer spezifischen Medienkompetenz. Thematisiert wird, wie wichtig es ist, Rückmeldungen von anderen Nutzern zu erhalten und sich selbst als kompetent zu erleben.

Die Inhalte des Wikis sind relevant für die Praxis

Ein positives Kosten-Nutzenverhältnis ist ein entscheidender Faktor für die Partizipation von Nutzern an Wikis. Die Relevanz der Inhalte des Wikis für die eigene Arbeit ist hier als wesentlicher Nutzenfaktor zu sehen. Erlebt der Nutzer, dass ihn die Informationen im Wiki bei der täglichen Arbeit unterstützen, wertvolle Quellen oder Ansprechpartner aufzeigen oder aufwendige eigene Recherchen ersparen, erhöht das die Motivation, auch das eigene Wissen bereitzustellen. Im besten Fall erlebt der Nutzer die Beteiligung am Wiki als eine Arbeitserleichterung, z. B. weil Arbeitsabläufe effizienter und schneller sind, doppelte Arbeiten vermieden oder Informationen schneller gefunden werden. Klar ist, dass in der Anfangsphase, die Beteiligung am Wiki zunächst zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeutet, z. B. weil vorhandene Informationen übertragen werden müssen, neue Abläufe sich erst einspielen müssen oder das Einarbeiten in ein neues Werkzeug aufwendig ist. Es kommt darauf an, dass der persönliche Nutzen, den die Mitglieder aus der Beteiligung am Wiki ziehen, langfristig überwiegt und – wo dies nicht der Fall ist – der Einsatz des Wikis oder die Rahmenbedingungen überdacht und korrigiert werden.

Um sicherzustellen, dass die Inhalte des Wikis praxisrelevant sind, sind zwei weiter oben bereits beschriebene Aspekte zentral. Zum einen sollten die späteren Benutzer des Wikis frühzeitig in die Konzeption des Wikis mit einbezogen werden, um deren Bedürfnisse und Anforderungen zu kennen und berücksichtigen zu können. Wo dies nicht erwünscht oder möglich ist, sollte zumindest eine spätere Korrektur der Konzeption möglich sein. Zum anderen ermöglicht die offene Struktur des Wikis den Nutzern, wichtige und für sie relevante Themengebiete in das Wiki mit aufzunehmen und das Wiki umzustrukturieren und zu ergänzen.

Die Beteiligung am Wiki macht Spaß und geschieht aus Interesse am Thema

Idealerweise macht die Beteiligung am Wiki den Nutzern Spaß. Das kann zum einen aufgrund des allgemeinen oder speziellen Interesses an dem Thema des Wikis der Fall sein – oder, weil die Arbeit an dem Wiki selbst Spaß macht. Das wird im Kapitel 5 unter den Überschriften Flow-Erleben und Thematisches Interesse näher beschrieben. Eine wesentliche Voraussetzung für das Erleben von Flow ist, dass die Tätigkeit genau den Schwierigkeitsanforderungen eines Nutzers entspricht, also weder zu leicht noch zu anspruchsvoll ist. Daraus ergibt sich, dass die Mitglieder größtmögliche Freiheit haben sollen, zu wählen, wie sie sich ins Wiki einbringen wollen. So mag es dem einen Nutzer Spaß machen, die Texte des Wikis auf Rechtschreib- und Zeichenfehler zu korrigieren, ein anderer feilt gerne an treffenden und verständlichen Formulierungen, wieder ein anderer schreibt gerne und schnell einen groben Überblick über ein Themengebiet oder strukturiert einen Artikel vor. Eine zu starke Vorgabe von Struktur und Aufgaben kann dazu führen, dass ursprünglich intrinsisch motivierte Nutzer sich an zu starken Vorgaben stören und ihre Beteiligung zurücknehmen. Ähnliches gilt für das Interesse am Thema: Die einzelnen Mitglieder eines Wikis sollten die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihren Interessen und Kompetenzen einbringen zu können. Dazu gehört auch die Offenheit, neue Themen oder Inhalte ins Wiki mit aufnehmen zu können, die in der ursprünglichen Konzeption oder der aktuellen Struktur des Wikis nicht vorgesehen waren.

Die Nutzer erwerben spezifische Medienkompetenz

Ob ein Nutzer sich motiviert an einem Wiki beteiligt, Spaß an der Mitarbeit entwickelt und dabei selbst von der Mitarbeit am Wiki profitiert, hängt auch davon ab, wie kompetent und sicher der Umgang mit dem Werkzeug Wiki möglich ist. Eine Voraussetzung dafür ist die weiter oben beschriebene Bedienfreundlichkeit des Wikis, die eine einfache und intuitive Nutzung erlaubt. Auch die Verfügbarkeit einer guten Hilfefunktion oder eines gut lesbaren Handbuchs trägt dazu bei, dass die Nutzer das Werkzeug Wiki kompetent nutzen können. Da umfangreiche Handbücher oder eine komplexe Hilfefunktion abschreckend wirken können und bei unerfahrenen Nutzern den Eindruck erwecken, die Bedienung des Wikis sei sehr kompliziert, kann eine Kurzhilfe hilfreich sein. Diese Kurzhilfe fasst sehr kurz und übersichtlich die wesentlichen und grundlegendsten Funktionen zusammen und erleichtert neuen Nutzern den Einstieg. Erfolgt die Formatierung und Strukturierung des Textes mit Hilfe von Tags, die eingegeben werden müssen, ist eine Übersicht über die wichtigsten Tags und Befehle wichtig, die der Nutzer ausdrucken und neben die Tastatur legen kann.

Darüber hinaus können auch direkte Ansprechpartner für Bedienschwierigkeiten oder Probleme neuen Benutzern die Einarbeitung erleichtern. Bewähren kann sich ein Mentorenprogramm, in dem neue Mitglieder von erfahrenen und länger aktiven Mitgliedern betreut werden. Dabei hat ein neues Mitglied als Mentee einen festen Mentor, der beim Einstieg begleitet und für Fragen offen ist. Hilfreich kann es auch sein, Einführungsschulungen in die Bedienung des Wikis zu geben, in der die Bedienung des Wikis nicht nur erklärt und vorgestellt wird, sondern auch unter Anleitung geübt werden kann. In vielen Fällen wird durch das aktive Ausprobieren unter Anleitung erst klar werden, dass die Bedienung des Wikis tatsächlich einfach und intuitiv möglich ist und auch von unerfahrenen Nutzern schnell erlernt wird. Auf die didaktische Gestaltung solcher Einführungsschulungen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Klar sollte aber sein, dass sie auf die Zielgruppe und den Einsatzzweck des Wikis abgestimmt sein müssen. Grundsätzlich sollten sie weniger frontal Informationen vermitteln, als vielmehr Raum für das Ausprobieren der Möglichkeiten des eingesetzten Wikis lassen.

Das bis hier Beschriebene bezieht sich zunächst nur auf die technische Seite und die Vermittlung einer Kompetenz im Bezug auf die funktionalen bzw. technologischen Komponenten eines Wikis. Genau so wichtig kann es sein, den Nutzern eine Medienkompetenz im Bezug auf die Integration des Wikis in die eigenen Arbeitsabläufe und einen effektiven Einsatz des Wikis zu vermitteln. So wird es z. B. den einen oder anderen Überwindung kosten, einen unfertigen, fragment-artigen Text mit den anderen Mitglieder zu teilen, leere Wiki-Seiten anzulegen oder einen nur durch Überschriften vorstrukturierten Text im Wiki zu veröffentlichen. Das Prinzip der einfachen Zugänglichkeit und Offenheit von Wissen und Information kann für Nutzer, die es gewohnt sind, dass die Inhalte der eigenen Festplatte nicht von anderen einsehbar sind, zunächst ungewohnt sein. Auch die Anforderung, Texte anderer Mitglieder zu editieren und zu verändern, kann zunächst der gewohnten Arbeitsweise widersprechen. Neben einer Ermutigung, sich auf das Prinzip Wiki einzulassen, ist aber auch ein ständiges Üben und Probieren neuer Arbeitsweisen wichtig und hilfreich.

Der Nutzer erlebt sich als kompetent

Das Erleben der Kompetenz hat zwei Aspekte: Zum einen geht es um die bereits weiter oben beschriebenen Möglichkeit für den einzelnen Nutzer, seine Erfahrung und Expertise im Wiki darzustellen, sich so als kompetent zu erleben und von der Teilnahme am Wiki zu profitieren. Dazu gehören auch Rückmeldungen, die der Nutzer von anderen Mitgliedern erhält, die einen Beitrag im Wiki hilfreich, gut oder verständlich finden. Diese Form des Kompetenzerlebens kann durch eine Vielzahl der weiter oben geschilderten Möglichkeiten sichergestellt werden.

Zum anderen bezieht sich das Erleben der Kompetenz auf die Wahrnehmung einer eher funktionalen Selbstwirksamkeit – also der Tatsache, dass der Nutzer sich in der Bedienung des Wikis als sicher und effizient erlebt. Damit ist auch gemeint, dass der Nutzer das Gefühl hat, die technische Funktionsweise des Wikis zu verstehen und mit seinen Bedieneingaben schnell und ohne Fehler zum Ziel zu kommen. Das ist z. B. der Fall, wenn der Nutzer eine komplizierte Tabelle im Wiki gut lesbar formatieren oder das Erstellen einer übersichtlichen Linkliste erledigen kann. Hier greifen die schon beschriebenen Maßnahmen der allgemeinen Bedien- und Benutzerfreundlichkeit und die Möglichkeiten, eine spezifische Medienkompetenz im Umgang mit Wikis sicherzustellen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass der Nutzer das Wiki selbst als erfolgreich und gewinnbringend wahrnimmt. Dazu gehört auch die Rückmeldung über den Erfolg des Wikis innerhalb des Unternehmens. Das können einmal harte Fakten wie die Anzahl der Nutzer oder der Artikel, die durch die Wikinutzung eingesparte Arbeitszeit oder gar finanzielle Einsparungen sein. Zentraler ist aber die Rückmeldung über weiche Faktoren, also zum Beispiel die erfolgreiche Vernetzung von zwei Unternehmensbereichen, die Veröffentlichung eines gemeinsam erstellen Handbuchs oder die Annahme eines im Wiki erarbeiteten Projektentwurfs.

Dieser Blogbeitrag ist leicht gekürzt mit freundlicher Genehmigung des VWH – Verlages der folgenden Publikation entnommen: Moskaliuk, J. (2008). Effektiver Einsatz von Wikis. In J. Moskaliuk (Ed.), Konstruktion und Kommunikation von Wissen mit Wikis (pp. 83-112). Boizenburg: Verlag Werner Hülsbusch.

Weitere Beiträge der Reihe:

1. Das Wiki kann einfach und intuitiv genutzt werden. (21.08.2008)
2. Die Struktur des Wikis fördert die Konstruktion von Wissen. (26.08.2008)
3. Das Wiki ist in die Abläufe und Struktur der Organisation integriert. (02.09.2008)
4. Der Nutzer nimmt sich als Teil der Community wahr. (23.09.2008)
5. Der Nutzer nimmt sich als wichtiges Mitglied der Community wahr. (21.10.2008)
6. Die Organisationskultur fördert Offenheit und Partizipation. (10.09.2009)
7. Der Nutzer profitiert von der Beteiligung am Wiki. (08.10.2009)

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