Effektiver Einsatz von Wikis: Die Struktur des Wikis fördert die Konstruktion von Wissen
Dieser Blogeintrag ist Teil der Blogreihe “Effektiver Einsatz von Wikis“.
Damit ein Wiki die Konstruktion von Wissen fördern kann, muss es für den Nutzer möglich sein, Anknüpfungspunkte für das eigene Wissen zu finden. Idealerweise ermöglicht die Struktur des Wikis, dass ein Nutzer Informationen schnell findet und erkennt, wo er neue Informationen ergänzen und sich einbringen kann. Das im Kapitel 2 beschriebene Problem der fehlenden Übersichtlichkeit, die durch das funktionale Wiki-Prinzip der nicht hierarchischen Navigation bedingt ist, kann die effiziente Nutzung eines Wikis verhindern. Vermieden werden muss, dass der Nutzer viel Zeit mit dem Suchen nach Informationen verbringt, oder das Zuordnen von neuen Inhalten in die bestehenden Wiki-Seiten erschwert ist.
Eine Vorstrukturierung des Wikis erleichtert den Einstieg
Bei der Neueinführung eines Wikis ist es hilfreich, eine grobe Seitenstruktur vorab anzulegen. Den Nutzern fällt der Einstieg leichter, wenn eine erste Struktur erkennbar ist und klar wird, wo welche Informationen bereitgestellt werden sollen. Wird zum Start eines Wikis nicht klar, wo welche Informationen zugeordnet werden sollen, besteht die Gefahr, dass die von einem Nutzer erstellte Inhalte von anderen Nutzern nicht gefunden werden und das Wiki unübersichtlich wird. Sind bereits zahlreiche Inhalte im Wiki vorhanden, fällt es leichter, neue Informationen zuzuordnen, weil aus den bestehenden Seiten die inhaltliche Struktur klar wird. Dann ist es meist nicht mehr notwendig, die Strukturierung eines Wikis zu steuern oder vorzugeben.
Ist die vorgegebene Struktur allerdings zu starr und verbindlich, kann das negative Auswirkungen auf die Motivation der Nutzer haben. Das trifft vor allem dann zu, wenn es den Nutzern schwer fällt, die eigenen Inhalte in die vorhandene Struktur einzubinden, wenn die Struktur den Nutzern nicht einleuchtet oder sie eine andere Struktur sinnvoller fänden. Die Vorstrukturierung sollte den Nutzern deshalb genügend Flexibilität lassen und veränderbar bleiben. Außerdem kann es sinnvoll sein, vorgefertigte Templates oder Vorlagen anzubieten. Diese können für ähnliche Seiten oder Aufgaben verwendetet werden und erleichtern das Anlegen von Seiten und ermöglichen einen schnellen Überblick.
Leere Wiki-Seiten motivieren zur Partizipation
Grundsätzlich sollte sich die Motivation, Inhalte zu ergänzen, erhöhen, wenn bewusst wird, welche Inhalte von anderen Nutzern gewünscht sind oder noch im Wiki fehlen. Leere Wiki-Seiten müssen nicht als negative Wissenslücken interpretiert werden, sondern können eine wichtige Möglichkeit sein, die Konstruktion von neuem Wissen anzuregen. In den meisten Wikis können neue Seiten einfach angelegt werden, indem Links zu noch nicht existierenden Seiten gesetzt werden. In der Regel werden diese Links dann grafisch hervorgehoben; mit einem Klicken auf den Link kann die Seite einfach angelegt werden. Bei vielen Wikis gibt es auch die Möglichkeit, auf einer Spezialseite alle Seiten aufzuführen, die noch nicht erstellt sind, aber auf die bereits verlinkt wird. Diese Spezialseite kann Benutzern Anregungen geben, welche Inhalte im Wiki noch fehlen und ergänzt werden sollen. Einen Schritt weiter geht eine „Wunschliste“, auf der Nutzer Inhalte und Themen eintragen können, die im Wiki fehlen und die ergänzt werden sollten. Sinnvoll kann es sein, explizit zu betonen, dass das Anlegen von leeren und unvollständigen Seiten durchaus gewünscht wird und sinnvoll ist.
Eine gute Suchfunktion ist integriert
Da die nicht hierarchische Struktur der Inhalte des Wikis in der Regel das Finden von Informationen über das Browsen vor allem bei großen Wikis erschwert, ist eine Suchfunktion für die effektive Nutzung eines Wikis unerlässlich. Standard bei den meisten Wikis ist eine Volltextsuche, in der der gesamte Textkorpus auf das Vorhandensein des Suchbegriffs durchsucht wird. Bei sehr großen Wikis kann es sinnvoll sein, die Suchfunktion um weitere Features zu erweitern: Bei häufig vorkommenden Begriffe ist der Einsatz von Booleschen Operatoren wie „und“ oder „nicht“ hilfreich, um die Menge der Ergebnisse einzuschränken. Es steigert die Benutzerfreundlichkeit, wenn die Operatoren nicht in die Suchzeile eingegeben werden müssen, sondern in einer erweiterten Suche dafür jeweils einzelne Formularfelder angeboten werden. Wenn die genaue Schreibweise eines Begriffs nicht bekannt ist, kann eine „Fuzzy-Suche“ (also eine unscharfe Suche) hilfreich sein. Dabei wird die Ähnlichkeit des eingegebenen Begriffs zum eigentlichen Suchbegriff mit mathematischen Verfahren berechnet, um so auch morphologisch und phonetisch ähnliche Wörter zu finden. Auch die Einschränkung der Suche auf unterschiedliche Namensräume (z. B. auf Benutzerräume) oder unterschiedliche Kategorien erleichtert das Finden der gewünschten Information.
Weitreichende Benutzerrechte ermöglichen Wissensemergenz
Mit dem Begriff Wissensemergenz das Entstehen von qualitativ neuem Wissen gemeint, das vorher weder Teil des Informationsraumes noch Teil des Wissensraumes war. Das geschieht, wenn eine im Wissensraum schon vorhandene Wissenseinheit und eine neu aus dem Informationsraum internalisierte Informationseinheit sich widersprechen. Voraussetzung für diese Wechselwirkung zwischen Informationen in einem technischen Artefakt (z. B. einem Wiki) und dem Wissen im kognitiven System einer Person ist, dass der einzelne Nutzer Einfluss auf die Struktur des Wikis und die einzelnen Wiki-Seiten nehmen kann. Idealerweise hat also jeder Benutzer weitgehende Benutzerrechte und kann alle Inhalte des Wikis verändern. Was zunächst – gerade im organisationalen Kontext – im Konflikt zu hierarchischen Strukturen stehen mag, wird langfristig den Austausch von Wissen und damit die Wissensemergenz fördern. Befürchtungen, dass die hohe Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Mitglieder einer Organisation zu einer unproduktiveren Arbeitsweise führen, erweisen sich meist als unbegründet. Allerdings muss die Offenheit des Wikis für alle Mitglieder zur Organisationskultur passen. Das wird im nächsten Beitrag thematisiert.
Dieser Blogbeitrag ist leicht gekürzt mit freundlicher Genehmigung des VWH – Verlages der folgenden Publikation entnommen: Moskaliuk, J. (2008). Effektiver Einsatz von Wikis. In J. Moskaliuk (Ed.), Konstruktion und Kommunikation von Wissen mit Wikis (pp. 83-112). Boizenburg: Verlag Werner Hülsbusch.
Beiträge der Blogreihe:
1. Das Wiki kann einfach und intuitiv genutzt werden. (21.08.2008)
2. Die Struktur des Wikis fördert die Konstruktion von Wissen. (26.08.2008)
3. Das Wiki ist in die Abläufe und Struktur der Organisation integriert.
4. Der Nutzer nimmt sich als Teil der Community wahr.
5. Der Nutzer nimmt sich als wichtiges Mitglied der Community wahr.
6. Die Organisationskultur fördert Offenheit und Partizipation.
7. Der Nutzer profitiert von der Beteiligung am Wiki.



Kommentare (3)
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Leonard
schrieb am 26. August 2008 um 12:57 Uhr:
Hier ein interessanter Link zur Portalgestaltung von einem Unternehmens-Wiki: Bericht SOC-Wiki
Die folgenden Seiten verweisen auf diesen Artikel (7)
Effektiver Einsatz von Wikis: Das Wiki kann einfach und intuitiv genutzt werden | Johannes Moskaliuk
Effektiver Einsatz von Wikis: Der Nutzer nimmt sich als Teil der Community wahr. | Johannes Moskaliuk
Effektiver Einsatz von Wikis: Das Wiki ist in die Abläufe und Struktur der Organisation integriert | Johannes Moskaliuk
Blogreihe: Effektiver Einsatz von Wikis | Johannes Moskaliuk
Der Nutzer nimmt sich als wichtiges Mitglied der Community wahr | Johannes Moskaliuk
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