Der heutige Gastbeitrag von Magdalena Rauch-Schmidt fasst den empirischen Artikel von Joachim Schroer und Guido Hertel aus der Zeitschrift Media Psychology zusammen. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum sich Menschen als Autoren an der Wikipedia beteiligen.
Wer kennt das nicht, man gibt ein Begriff in eine Internet-Suchmaschine ein und häufig leitet der erste Hit einen weiter zur Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Wikipedia wurde 2001 gegründet und bereits 2008 gab es über zehn Millionen Artikel. Mittlerweile gehört Wikipedia zu einer der zehn beliebtesten Webseiten weltweit. Im Zusammenhang mit Wikipedia spricht man auch von einem open-content-project, d.h. Wikipedia wird vollständig programmiert, geleitet und geschrieben von freiwilligen „Laien“, die über das Internet zusammenarbeiten. Die außerordentliche Absicht von Wikipedia ist es also, dass alle Inhalte, die veröffentlicht werden, von vielen Menschen weiterbearbeitet und überarbeitet werden. Das ist meiner Meinung nach in Zeiten von strengsten Lizenz- und Copyrightrechten die Ausnahme. Zentrales Ziel von Wikipedia ist es somit eine Wissensbank aus dem Wissen von möglichst vielen Menschen zu schaffen, deren Inhalte für jeden Menschen zugänglich sind. Der größte Kritikpunkt an Wikipedia ist die teilweise mangelnde Qualität der Artikel durch Konflikte oder Uneinigkeiten zwischen den Wikipedianern. Dem wirkt Wikipedia aber durch ein feines System zur Lösung von Konflikten entgegen: von spezifischen Diskussionsblogs bis hin zur zeitweisen Sperrung von Artikeln oder Usern gibt es eine Vielfalt von Mechanismen.
Man weiß eigentlich nur wenig über die Motive der Wikipedianer. Viele User investieren viel Zeit in die Recherche und das Schreiben der Artikel oder in die Wartung der technischen Infrastruktur Wikipedias. Die Wikipedianer erhalten dafür jedoch keine externen Belohnungen, wie beispielsweise finanzielle Entschädigungen. Die empirische Studie von Schroer und Hertel (2009) versucht nun die Frage zu klären, warum das Engagement für Wikipedia trotzdem so groß ist.
Schroer und Hertel (2009) nutzen als erste Grundlage Theorien zu sozialen Bewegungen, wie z.B. zu Bürgerrechtbewegungen. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Wikipedia und diesen Bewegungen obwohl Wikipedia natürlich keine politischen Absichten verfolgt:
- die Teilnahme an beiden ist freiwillig und
- beruhen beide auf der Basis von freiem Wissen, das gemeinsam erarbeitet wird und für jeden zugänglich ist.
Schroer und Hertel (2009) nutzen zunächst eine Theorie von Klandermans (1997, 2003), nach der es vier zentrale Motive bei den Teilnehmern von sozialen Bewegungen gibt: a) soziale bzw. normorientierte Motive, b) wahrgenommene Kosten-Nutzen-Bilanz, c) kollektive Motive und d) Prozesse der sozialen Identifikation.
Neben den Theorien zu sozialen Bewegungen nutzen die Autoren auch Theorien zur intrinsischen Motivation um das Engagement von Wikipedianern zu erklären. Danach liegen die Ursachen für das Verhalten in der Person selbst. Dies finde ich sehr nachvollziehbar, denn die Autoren gehen ja davon aus, dass es keine externen Anreize im Zusammenhang mit Wikipedia gibt. Was ich aber etwas bezweifle, denn ich glaube schon, dass es teilweise zumindest kleine externe Anreize gibt. Für jeden Artikel gibt es einen Diskussionsteil, wo auch Lob ausgesprochen wird. Ist das nicht vielleicht ein externer Anreiz um das Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen? Laut Schroer und Hertel (2009) sind die wichtigsten Faktoren bei der intrinsischen Motivation: die Freude an der Aktivität an sich, die Kompetenzerfahrung (Autonomie und Feedback) und die Flow-Erfahrung. Hackman und Oldham (1980) entwickelten aus dieser Annahme eine Theorie darüber, warum und wie Merkmale des Jobs oder der Aufgabe die intrinsische Motivation und die Zufriedenheit mit der Arbeit beeinflussen können. Zu diesen Charakteristika zählen Hackman und Oldham: Abwechslung in der Arbeit, Identifikation mit der Aufgabe, Signifikanz der Aufgabe, Autonomie bei der Arbeit und das Feedback beispielsweise von Kollegen. Ich persönlich denke, dass wenn ich in meiner Aufgabe aufgehe, mich mit dieser identifiziere, die Aufgabe abwechslungsreich ist und ich dann noch positives Feedback bekomme, dann kann es mir doch relativ egal sein, wie wichtig meine Aufgabe ist, oder?
Aus diesen theoretischen Grundlagen entwickelten Schroer und Hertel (2009) Hypothesen, die sie durch einen web-basierten Fragebogen an deutschen Wikipedianern untersuchten. Der Fragebogen enthielt größtenteils Items, die auf einer 7-Punkte-Skala zwischen „stimme ich völlig zu“ und „stimme ich gar nicht zu“ bewertet werden mussten, aber auch offene Fragen. Als Hauptkriterien wurden immer das Ausmaß des Engagements für Wikipedia und die Zufriedenheit mit diesem eigenen Engagement erhoben.
Die Daten des Fragebogens von Schroer und Hertel (2009) ergaben zum einen, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Engagement für Wikipedia abhängt von einer ausgeglichenen Nettobilanz zwischen den Kosten und Nutzen, von der Identifikation mit der Wikipedia-Community und von den wahrgenommenen Aufgabenmerkmalen nach Hackman und Oldham (1980). Daran finde ich erstaunlich, dass schon eine ausgeglichene Kosten-Nutzen-Bilanz ausreicht, damit man zufrieden ist mit dem eigenem Engagement. Ich hätte erwartet, dass der Nutzen unbedingt die Kosten übersteigen muss, damit man zufrieden ist, aber anscheinend reicht es zumindest bei freiwilligen Aktivitäten aus, dass beide gleich hoch sind. Hingegen könnte ich mir auch vorstellen, dass bei unfreiwilligen Aktivitäten diese ausgeglichene Bilanz nicht ausreicht. Ein weiterer, aber nicht unerwarteter Befund aus der Studie ist, dass das Ausmaß des Engagements für Wikipedia positiv abhängt von der intrinsischen Motivation. Diese intrinsische Motivation mediiert wiederum den Effekt der wahrgenommenen Aufgabencharakteristika auf das Ausmaß des Engagements. Dabei hatten die Aufgabencharakteristika Autonomie und Aufgabensignifikanz den stärksten Einfluss. Ganz unerwartet war auch die negative Beziehung zwischen Nutzen und Engagement. Das ist doch etwas kontraintuitiv. Schroer und Hertel (2009) spekulieren darüber, dass durch das Fehlen von externalen Reizen, es zu einer ungünstigen Bewertung der Kosten und Nutzen kommt. Insgesamt wurden in diesem Fragebogen die kollektiven Motive (siehe Klandermans, 1997, 2003) am stärksten bzw. am bedeutendsten geratet. Das fand ich auch nicht besonders überraschend. Wikipedia ist eine Community und ist, so könnte ich mir vorstellen, relativ bedeutsam für die Wikipedianer.
Die Studie von Schroer und Hertel (2009) ist eine erste quantitative Untersuchung zu den Motiven der freiwilligen Mitglieder der Wikipedia-Community. Zukünftige Untersuchungen könnten z.B. durch Längsschnittstudien die motivationale Dynamik des Wikipedia-Engagements näher erforschen oder die Frage klären, wie sich die verschiedenen Aufgabencharakteristika nach Hackman und Oldham (1980) auf verschiedene Wikipedia-Rollen (Autor, Software-Entwickler, Administrator etc.) auswirken.
Schroer, J., & Hertel, G. (2009). Voluntary Engagement in an Open Web-Based Encyclopedia: Wikipedians and Why They Do It Media Psychology, 12 (1), 96-120 DOI: 10.1080/15213260802669466














Ist die Studie frei im Internet verfügbar? (Falls ja, bitte verlinken
)
Falls nein, finde ich schade, dass die Wissenschaft noch nicht so weit ist, dass sie ihre Ergebnisse frei zur Verfügung stellt.
Gleiches gilt auch für die erhobenen Rohdaten (wobei man hier ggf. aufpassen muss, dass daraus keine Personen bezogenen Daten gewonnen werden könne). Diese sollten meiner Meinung nach auch frei zur Verfügung gestellt werden.
Gleiches gilt auch für die Auswertung, sofern sie nicht vollständig aus dem Paper rekonstruierbar ist.
Schöne Grüße
Tino
Danke für den Kommentar, Studie müsste frei verfügbar sein, Klick auf verlinkte die DOI müsste das .pdf anzeigen, sonst: http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.86.2761&rep=rep1&type=pdf
Genau aus dem Grund gibt es Research Blogging, damit Wissenschaft ein bisschen “freier” wird