Gibt es die Net Generation?

Auf der Learntec 2008 habe ich einen Vortrag von Rolf Schulmeister gehört, in dem er einen Überblick über zahlreiche Studien gab, die Hinweise drauf geben können, ob es die NetGeneration wirklich gibt, und wenn ja, wie sie mit Internet und anderen Medien umgeht. Was er im Januar schon angekündigt hatte, gibt es jetzt online auf seiner Webseite: Ein umfangreiches Papier zur Frage, ob es die Net Generation wirklich gibt. Er bezeichnet das knapp über 100-seitige Werk als Work in Progress und erhofft sich Anregungen und Kritik. Und die gibt es in der Blogossphäre schon reichlich, unter anderem bei Michael Kerres, Gabi Reinmann, Andreas Auwärter und Joachim Wedekind.

Spätestens seit Don Tapscotts Publikation Growing Up Digital: The Rise of the Net Generation aus dem Jahr 1997 gilt es in der Öffentlichkeit als belegt, dass es die neue Netzgeneration gibt. Blumige Wörter wie Net Geners, Digital Natives, Millenials, Multitaskers oder generation@ scheinen ein weitere Beleg dafür zu sein, dass es sie wirklich gibt. Das “Daten” hier eher anekdotischen Charakter haben, wird meist übersehen.

Rolf Schulmeister macht klar: “Es ist wichtig, die Debatte über die Net Generation nicht länger auf dem Niveau von Einzelfall-Berichten, eigenem Erleben und ungeprüften Meinungen zu führen, sondern einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung in Konfrontation mit empirischen Daten zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen zuzuführen. ”

So betrachtet Schulmeister “mehr als 45 empirische Studien zu Mediennutzung und Nutzermotiven [...], die Daten speziell auch für Kinder und Jugendliche ausweisen.” Ein Ergebniss der Analyse ist, dass es keineswegs klare und eindeutige Belege für die gestiegene Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gibt. Und – diese gestiegene Mediennutzung wäre noch kein Beleg dafür, dass es wirklich eine Net Generation gibt. Schulmeister fasst seine Meinung in neun Thesen zusammen. Eine davon: “In dem so beschriebenen Bild der jugendlichen Aktivitäten ist nichts Ungewöhnliches zu sehen.” Das Internet und der Computer ist “Mittel zum Zweck” und verändert noch nicht durch das bloße Vorhanden sein Lernverhalten und Sozialisation. Es gibt also nicht die eine Net Generation, vielmehr haben wir es, was die Mediennutzung angeht, mit immer unterschiedlicher sozialisierten Individuen zu tun. Die einen sind sicher das, was man die Net Generation nennen würde, aber andere müssen aufpassen, dass sie nicht abhängen. Und das deckt sich ziemlich genau mit meinen “Einzelfallerfahrungen”: Während die einen Tag und Nacht im SchülerVZ rumhängen, geben Gleichaltrige die E-Mail-Adresse ihres Vaters an, und wissen nicht wie man das @ schreibt. Während die einen in der Blogossphäre aktiv sind, ihre Urlaubsfotos in Flickr verwalten und einen Podcast über die jüngst erstellte Seminararbeit erstellen, scheitern die anderen daran, ihre Immatrikulationsbescheinigung im neuen Campus-System auszudrucken. Es gilt also Medienkompetenz zu vermitteln, damit Kinder und Jugendliche Computer und Internet als sinnvolle Werkzeuge nutzen können.

Ob das Aufräumen mit den “Propagandisten der Netzgeneration” wie es Schulmeister hier betreibt tatsächlich der Weisheit letzter Schluss ist, kann bezweifelt werden – und nicht umsonst nennt der Autor das Werk im Untertitel “Work in Progress”. Ich bin mir nämlich sicher, dass ein Teil der Kinder und Jugendliche tatsächlich einer neuen Net Generation angehören. Aber dass gültige Aussagen letztlich nur vor empirischen Hintergrund möglich sind muss wahr bleiben.

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5 Comments.

  1. Hm ich finde die hier angeschnittenen Aspekte sehr interessant. Persönlich habe ich mich zwar noch nicht so häufig damit beschäftigt, jedoch denke ich, dass es auch hier wie bei allem Extreme in beiden Richtungen gibt. Und das ist auch gut so.
    Natürlich sollte man heute davon ausgehen, dass zumindest jeder Schüler Internet hat und mit Google umgehen kann um so Informationen für Referate etc. zu sammeln. Das tuen meiner Erfahrung nach inzwischen auch die meisten Lehrer.

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