Hauptsache Interaktion: So funktioniert Gruppenlernen

ResearchBlogging.org

Der heutige Gastbeitrag von Sibylla Wolter beschäftigt sich mit der Frage, wie der Aufgabentyp, die aufgabenbezogene Interaktion und die gleichberechtigte Partizipation individuelle Leistungen und Gruppenproduktivität in kooperativen Lernszenarien beeinflusst. Auch wenn der Artikel sich dabei auf kooperatives Lernen im Klassenzimmer bezieht, kann das einfache Modell gut erklären, unter welchen Bedingungen webbasiertes kooperatives Lernen erfolgreich ist.

Ganz allgemein und intuitiv würde man bereits der Menge und Art an Interaktion und Kommunikation innerhalb einer Gruppe eine bedeutende Rolle zuschreiben. Sei es die Gruppe bearbeitet ein Problem bzw. eine Aufgabe oder sie übt sich „einfach“ sich im Umgang sozialer Kontakte. Im Rahmen von Gruppenaufgaben im Kontext der Schule, stellt sich seit langem die Frage, mit welcher Lernmethode ein bestmögliches Lernergebnis erreicht werden kann und wie diese Methode gegebenenfalls modifiziert werden muss, um ein noch besseres Ergebnis zu erzielen. Neben traditionellem Frontalunterricht wurde immer wieder über die Effektivität kollaborativen Lernens, d.h. interaktives Arbeiten in Kleingruppen,  diskutiert. Befunde, die diese beiden Lehrmethoden vergleichen, konnten keinen konstanten Vorteil für die eine oder andere Methode feststellen. Auch die Faktoren, die kollaboratives Lernen ermöglichen bzw. fördern, beispielsweise die soziale Interdependenz, sind in ihrer Stärke als Moderatorvariable umstritten.

Bei einer genaueren Analyse der Interaktionsdynamik innerhalb kleiner Gruppen im Kontext des kollaborativen Lernens im Schulunterricht, fand Elizabeth G. Cohen (1994) über eine Analyse mehrer Studien heraus, dass nicht nur über die Menge an Interaktion, sondern auch über die Art an Interaktion Aussagen über den Lernerfolg von Kleingruppen gemacht werden können. In diesem Zuge analysierte sie auch den Aufgabentypus, der ja die Interaktionsgrundlage darstellt. Hierbei konnte sie eine wichtige Differenzierung hinsichtlich des Aufgabentypus’ vornehmen, sie unterschied „echte“ vs. „unechte“ Aufgabenarten. Der Aufgabentyp, der die beste Passung für kollaboratives Lernen aufwies, war eine „echte Gruppenaufgabe“ und hatte folgende Merkmale:

  • Für das Lösen der Aufgabe wird die Mitarbeit jedes Einzelnen benötigt, d.h. ein Individuum, sei es auch noch so klug, kann sie nicht lösen (reziproke Abhängigkeit).
  • Es muss Ressourcen- Interdependenz gegeben sein
  • Als wichtigstes Merkmal muss die Aufgabe ein sog.  „ill- structured problem“ vorweisen, d.h. es gibt keine klare Anweisung zur Lösung der Aufgabe bzw. zur Lösung, nach dem Motte: Macht eine Ausarbeitung zum Thema X, wie ihr das macht, sei euch überlassen!

Cohen (1994) lies mit dieser Arbeit die allgemeine Frage, welche Lernmethode die bessere sei, bei Seite und konzentrierte sich vielmehr auf die Faktoren bzw. Bedingungen unter welchen kollaboratives Lernen am erfolgreichsten ist. Sie konnte zeigen, dass die Art der Gruppenaufgaben in Zusammenhang mit unterschiedlichen Interaktionsformen die Produktivität der Gruppe am besten erklärt. Ein ganz einfaches Modell würde ein erfolgreiches Zusammenspiel von Aufgabentyp, Interaktion und Leistung folgendermaßen visualisieren:

Modell von Cohen

Die Aufgabenstellung beeinflusst, ob Interaktion möglich und sinnvoll ist. Aufgabenbezogene Interaktion führt zu Produktivität und Leistung. Voraussetzung für aufgabenbezogene Interaktion ist gleichberechtigte Partizipation.

Für die Praxis in der Schule kann man nun hieraus eine wichtige Erkenntnis mitnehmen: Es kommt weniger darauf an, die Eine Beste Lernmethode zu finden, sondern je nach zu bearbeitender Fragestellung, d.h. Aufgabentypus, die bestpassendste Lernmethode zu wählen. Eine gute Passung zwischen Aufgabentyp und Interaktionsdynamik könnte der Schlüssel zu produktivem Lernen mit sehr guten Ergebnissen darstellen.

Cohen, E. (1994). Restructuring the Classroom: Conditions for Productive Small Groups Review of Educational Research, 64 (1), 1-35 DOI: 10.2307/1170744

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