| Artikel.

Der Artikel in der Gesamtansicht.
Zugehörige Kommentare,
Verweise und verwandte Artikel werden unten aufgeführt.

» Dieser Artikel wurde am
28. Mai 2008
geschrieben und hat derzeit
6 Kommentare «

Kommunikation mit Zettelkästen oder Das Offline - Wiki

Nein, ich kenne mich nicht gut mit Luhmanns Systemtheorie aus. Ich bin Psychologe, und so liegt es mit näher, Individuen zu betrachten als Systeme. Trotzdem bin ich fasziniert und versuche Luhmanns Ideen zu verstehen und deren Mehrwert zu nutzen. Als Wikiverfechter finde ich, es liegt ziemlich nahe, Luhmanns Ideen auf die Wissenskonstruktion mit Wikis zu übertragen [1]. Und ich bin mir fast sicher, heute würde Luhmann statt seines Zettelkastens ein Wiki verwenden. So versuche ich hier, seinen Erfahrungsbericht über die Kommunikation mit Zettelkästen [2] auf meine Erfahrungen mit Wikis zu übertragen, als ein „Stück empirischer Sozialforschung.“

Das Wiki und ich, beides sind Systeme. Das steht fest. Das Wiki und die dazugehörende Community ist ein Soziales System, und das, was von mir hierfür relevant ist, ist ein kognitives System. Das „wird niemanden überraschen“. Und wir, also mein kognitives System und das Wiki kommunizieren miteinander, wir sind „Kommunikationspartner“. Das Kommunizieren erfolgt schriftlich, das Schreiben ist grundlegende Vorraussetzung für Denken, beim Schreiben fallen mir Unstimmigkeiten auf, ich finde Anschlussstellen, der „Zusammenhalt anschließender Informationsverarbeitungsprozesse [ist] garantiert“. Als Psychologe würde ich das Lernen durch Externalisierung nennen: Durch das Externalisieren meiner Ideen lerne ich dazu, gleichzeitig fallen mir Unstimmigkeiten auf, die ich so lösen kann. Schreibe ich meine Gedanken nun in ein Wiki, gibt es noch einen weiteren wichtigen Prozess: Ich finde neue Ideen, neue Gedanken im Wiki, die andere Nutzer dort hineingeschrieben haben. Das kann zu einem kognitiven Konflikt führen: Meine Wissen passt nicht zu den Informationen, die im Wiki stehen. Wie die Prozesse aussehen, mit dem dieser Konflikt gelöst werden kann, ist eine andere Baustelle. Hier ist wichtig, dass dieser Konflikt nun zu einem zweiten Lernprozess führt, dem Lernen durch Internalisierung: Ich entdecke neue Informationen im Wiki, die ich internalisieren kann. Luhmann beschreibt das, was ich als Psychologe kognitiven Konflikt nenne so: „ […] eine der elementaren Vorraussetzung [ist], dass sich die Partner wechselseitig überraschen können. “ Ich lerne durch Internalisierung vom Wiki, das Wiki lernt durch Externalisierung von mir.

Bei Luhmann passiert das gegenseitig Überraschen durch „Einbau von Zufall“ ins System. Er findet in seinem Zettelkasten Zusammenhänge und Informationen, die ihm noch nie wichtig erschienen. Das geschieht durch die „offene Anlage“ des Zettelkastens, der nicht thematisch sortiert ist, sondern beim dem neuen Zettel stets durch das Erweitern vorhandener Zettel in fortlaufende Nummerierung geschieht. Beim Wiki ist dieser Einbau von Zufall über die Beteiligung andere Nutzer gewährleistet: Beim Arbeiten mit dem Wiki stoße ich so auf Verknüpfungen, die mir noch nie aufgefallen sind.

Doch wie genau funktioniert der Zettelkasten? Jeder neue Zettel erhält einen festen Stellplatz, eine feststehenden Nummer. Neue Notizen können nun hinten angestellt werden, nach dem Zettel 98 folgt also der Zettel 99, neue Zettel können aber auch überall anders zugeordnet werden. Dem Zettel 98/16 folgt der Zettel 98/17 und kann dann um 98/17a, um 98/17a1 usw. ergänzt werden.

Daraus ergibt sich eine „beliebige innere Verzweigungsfähigkeit“, es gibt keine „Bindung an sequentielle Linearität“. Was Luhmann da offline realisiert, ist letztlich eine Hypertextstruktur. Jeder Zettel wird als Knoten mit einem anderen Zettel verlinkt. Daraus ergeben sich online wie offline „Verweisungen in beliebiger Zahl“, ein Zettel kann mit vielen anderen Zettel verknüpft werden, in dem Verweisziele auf dem Zettel angegeben, eine Information (ein Zettel) kann in mehreren Kontexten verwendet werden. Wie beim Wiki also: Ein nichthierachische Navigationsstruktur.

Luhmann braucht nun für seinen Zettelkasten ein Register mit Schlagwörtern, nur so findet er den Einstieg in seinen Zettelkasten. Beim Wiki braucht man kein Register, mit Hilfe einer Suchfunktion finde ich den Einstieg in das Wiki.

All diese Überlegungen führen Luhmann zu der Aussage, dass sein Zettelkasten ein „Zweitgedächnis, mit dem man kommunizieren kann“ sei. Und, dieser Zettelkasten ist „selbstständig“, er findet „Möglichkeiten, die so nie geplant waren“.

Ob ich soweit gehen möchte, ein Wiki als selbstständiges Zweitgedächtnis zu beschreiben, muss ich mir noch überlegen. Aber wenn ich die Schlagworte „Wisdom of the crowd “ und „serendipity“ ernst nehme, dann sind wir schon nahe dran. Die Wissensemergenz, die durch die kollaborative Arbeit an einem Wiki entstehen kann, die Möglichkeit, neues Wissen zu generieren, dass mehr ist als die Summe des Wissens der

Einzelnen, könnte für einen externen Betrachter tatsächlich den Anschein erwecken, das Wiki könne denken.

Aber als Psychologe kann ich nur schwer aus meiner Haut. Der sytemische Ansatz liefert eine interessante Beschreibungssprache und eröffnete neue theoretische [2] und empirische [3] Annäherungsweisen. Letztlich ist es aber nicht das Wiki, das denkt. Das Wiki ist Kommunikationsmedium, mit dessen Hilfe einzelne Individuuen kommunizieren und kooperieren. Und damit hoffentlich mehr Wissen generieren, als wenn jeder für sich allein schaffen würde.

Trotzdem bin ich mir sicher: Luhmann würde Wikis lieben.

Literatur

[1] Cress, U., & Kimmerle, J. (2008). Systemic and Cognitive Perspective on Collaborative Knowledge Building with Wikis. International Journal of Computer-Supported Collaborative Learning, 3 (2), 105-122.

[2] Luhmann, N. (1992): Kommunikation mit Zettelkästen: Ein Erfahrungsbericht. In N. Luhmann (Hrsg.), Universität als Milieu (S. 53-61). Bielefeld: Haux.

[3] Moskaliuk, J., Kimmerle, J. & Cress, U. (2008). Learning and knowledge building with wikis: The impact of incongruity between people’s knowledge and a wiki’s information. In C. Chinn, G. Erkens, & S. Puntambekar. (Eds.), Proceedings of the 8th Computer Supported Collaborative Learning Conference.

  • Digg
  • del.icio.us
  • DZone
  • ThisNext
  • MisterWong
  • Wists
  • blinkbits
  • BlinkList
  • blogmarks
  • Furl
  • Reddit
  • Slashdot
  • Technorati
  • Spurl

Der Artikel wurde am Mittwoch, den 28. Mai 2008 geschrieben. Er ist folgenden Schlagworten zugeordnet:, , , . Sie können hier einen Trackback senden Trackback zum Artikel anlegen. Kommentieren Sie den Artikel und lassen Sie sich bei neuen Kommentaren Feed für Kommentare automatisch benachrichtigen.

Nachschlagen bei Wikipedia   Was ist ein Trackback? | RSS-Feed? | Social Tagging?

Kommentare (4)

1

ricarda

schrieb am 28. Mai 2008 um 10:14 Uhr:

Bin von deinem Artikel begeistert, super Ansatz. Auch ich beschäftige mich mit psychologie, was hälst Du vom 0,2 Sek. Vetorecht, die jeder von uns zur Verfügung hat??

2

coco

schrieb am 29. Mai 2008 um 11:27 Uhr:

Der Artikel ist echt super verfasst. Ricarda Du meinst, daß mann bewusst leben und achtsam sein sollte, weil mann durch unbewusstes Verhalten, durch sein Unterbewusst sein mechanisiert wird. Habe auch darüber gelesen und war erschrocken, wie wenig Einfluß wir eigentlich auf uns selber haben..

3

Marc | Wissenswerkstatt

schrieb am 2. Juni 2008 um 11:47 Uhr:

Im Gegensatz zu meinen Vorrednerinnen habe ich den Artikel tatsächlich gelesen! ;-)

Naja, wieso muß man das Internet eigentlich mit Spam-Comments vollschmieren?

4

Johannes Moskaliuk

schrieb am 7. Juni 2008 um 13:03 Uhr:

@coco und ricarda: Ich kann leider nicht erkennen, was eure Kommentare mit meinem Artikel zu tun haben. SEO-technisch bringts Euch leider auch gar nichts, sorry!



Die folgenden Seiten verweisen auf diesen Artikel (2)

Schreiben Sie einen Kommentar zum Artikel







(x) Pflichtfeld. Kommentare unangemessenen Inhalts werden moderiert. XHTML: Sie können diese sog. Tags zur Formatierung verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>