kooperatives Lernen und Grounded Cognition

Ein Gastbeitrag von Katharina Fath und Josephin Thimm zur Frage, wie man kooperatives Lernen mit Computern theoretisch und konzeptuell beschreiben kann.

Lange Zeit waren Theorien des kollaborativen Lernens fokussiert auf das Individuum innerhalb der Gruppe. Der jeweilige Lernkontext, bzw. die sozialen Interaktionen zwischen mehreren Individuen wurden als Zusatzfaktoren weniger betrachtet. Im Laufe der Jahre vollzog sich jedoch ein Paradigmenwechsel, sodass sich der Fokus auf die Gruppe, bestehend aus mehreren Individuen, verlagerte. Im Zuge der Analyse der sozialen Interaktionen, besonders im Hinblick auf deren Bedeutung für die Informationsverarbeitung, veränderten sich auch die den Untersuchungen zu Grunde liegenden empirischen Paradigmen. Zunächst wurde der Frage nachgegangen, ob, später, unter welchen Bedingungen kollaboratives Lernen effizienter ist, als das Lernen allein (Effektparadigma vs. Bedingungsparadigma). Variiert wurden dabei zahlreiche unabhängige Variablen wie Gruppengröße, Zusammensetzung der Gruppe, Aufgabenart, verwendetes Kommunikationsmedium u. v. m.. Recht bald schon mussten sich die Forscher jedoch eingestehen, dass die Mechanismen des kollaborativen Lernens weitaus komplexer waren. Aufgrund der Interaktion zahlreicher Variablen konnten keine stabilen kausalen Effekte zwischen den einzelnen Variablen und der Kollaboration gefunden werden. Daher geht der aktuelle Trend der Forschung dahin, sowohl diese Interaktionen, als auch einzelne Parameter, die diese Interaktionen mediieren könnten, zu untersuchen (Interaktionsparadigma).

Zu Grunde gelegt wird dabei häufig ein theoretischer Ansatz aus dem Bereich der so genannten grounded cognition. Hauptaussagen dieser Theorie sind:

  1. dass bei der kognitiven Verarbeitung immer sämtliche Umweltvariablen von Bedeutung sind
  2. dass die Kognitionen eines Individuums nicht von äußeren Umständen (wie bspw. sozialen Interaktionen, kulturellen oder situationsbedingten Gegebenheiten) getrennt werden kann.

Wann kollaboratives Lernen sinnvoll und effektiv ist, hängt demnach von vielen verschiedenen Umwelt-Aspekten ab. Dillenbourg et al. (1996) stellen weiterhin drei verschiedene Arten des computermediierten kollaborativen Lernens vor:

  1. Menschen interagieren miteinander, während sie eine Aufgabe am Computer gemeinsam lösen
  2. Menschen interagieren über Computersysteme miteinander
  3. Mensch und Computer interagieren miteinander Grundlegender Vorteil der computermediierten Vorgehensweise ist laut Autoren die bessere Möglichkeit zur Kontrolle von Interaktionen, bspw., indem das System die Kommunikation unter den Individuen strukturiert. Bei folgender näherer Betrachtung dieser drei Einsatzmöglichkeiten von Computersystemen im Sinne des grounded cognition – Ansatzes werden neben Chancen für kollaboratives Lernen jedoch auch kritische Aspekte deutlich.

Interaktion von Menschen bei einer Computeraufgabe

Im Sinne der grounded cognition müssen hier verschiedenste Umweltvariablen einbezogen werden. Parameter wie Gruppengröße, -zusammensetzung, spezifisches Wissen, allgemeine kognitive Fähigkeiten und Ähnliches konnten bereits als bedeutsame Moderatoren von effektiver Kollaboration identifiziert werden. Jedoch sollten auch weiterführende Faktoren wie bspw. individuelle Erfahrungen mit Gruppenarbeit, Setting (ob im Rahmen einer Schulstunde, Zuhause, im Internetcafé,…) sowie die Arbeitsumgebung (mögliches Ablenkungspotential) näher in Betracht gezogen werden. Ein Computer kann zwar gezielt Kollaborationen strukturieren, was passiert jedoch, wenn es zu Zwischenfällen kommt und ein Teilnehmer bspw. die von ihm geforderte Aufgabe aus unvorhersehbaren Gründen nicht ausführen kann? Vorstrukturierte Aufgaben könnten sich zudem nachteilig auf die Entfaltung eigener kreativer Lösungsprozesse auswirken.

Interaktionen von Menschen über das Medium Computer

Im Zuge der heutigen Globalisierung und erstarkten Notwendigkeit, Informationen möglichst schnell und unkompliziert weiterzugeben und anderen zugänglich zu machen, hat sich der Gebrauch des „Kommunikationsmediums Computer“ bereits bewährt. Für alle Mitarbeiter zugängliche Netzwerke und gemeinsame Server sind in großen Organisationen heute die Norm, Programme wie StudiVZ, Facebook, Skype oder auch Informationsquellen wie Wikipedia aus der heutigen Internet-Welt nicht mehr wegzudenken. Dass durch verschiedene Kommunikationsformen unterschiedliche Inhalte transportiert (oder eben nicht transportiert) werden, ist ein bekanntes und nachvollziehbares Phänomen. Eine genaue Spezifikation, welches Medium für welche Informationsweitergabe günstig ist, wurde in verschiedenen Arbeiten bereits angestrebt (für Beispiele siehe Dillenbourg, 1996). Nicht außer Acht gelassen werden darf dabei die Frage, inwiefern vermehrte Kommunikation über ein bestimmtes Medium die Beziehungen zwischen den betreffenden Individuen verändert. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Alle Erfahrungen sind an die Umwelt gekoppelt. Vermehrter Kontakt über Videokonferenzen kann einerseits z.B. eine sehr fruchtbare Kooperation mit einem räumlich entfernten Kollegen bewirken, die Weitergabe von Informationen ausschließlich via E-Mail an einen Kollegen aus dem Nebenzimmer andererseits jedoch auf Dauer zu persönlicher Distanz führen.

Interaktionen zwischen Mensch und Computer

Es steht außer Frage, dass die Modellierung eines für das Individuum „optimalen“ Lernpartners in Form eines Computersystems große Chancen für effizientes individuelles Lernen bietet. Im Bereich von Lernsoftware scheinen hier besonders Lern-Algorithmen, welche sich parallel und synchron an das Niveau des Lernenden anpassen, enormes Potential aufzuweisen. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit sich das Fehlen sozialer und emotionaler Aspekte, die nach grounded cognition – Ansatz auch einen Beitrag zum effektiven Lernen in Gruppen leisten müssten, hier auswirkt, da Lerninhalte als leichter abrufbar gelten, wenn sie durch gemeinsame und vor allem „menschliche“ Interaktionen mit emotionalen Inhalten (wie Stimmungen, Motivation, Begeisterung oder auch Frustration) verknüpft werden. Es müsste demnach untersucht werden, ob das Fehlen dieser emotionalen Inhalte während der Kollaboration mit einem Computersystem den Lernerfolg nachhaltig negativ beeinflusst oder nicht.

P. Dillenbourg, M. Baker, A. Blaye, C. O‘Malley (1996). The Evolution of Research on Collaborative Learning. In P. Reimann & H. Spada (Eds.) Learning in humans and machines. Towards an interdisciplinary learning science (pp. 189-211). Oxford: Elsevier.

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