Spannend finde ich, was passieren kann, wenn ein motivierter Hochschullehrer ein Seminar nach außen öffnet, und Studierende und eine interessierte Web-Öffentlichkeit gemeinsam im echt konstruktivistischen Sinne lernen: Es geht um das Informatikdidaktik-Seminar von Christian Spannnagel und um Lehren durch Lernen. Und weil eine Diskussion auch von der Kontroverse lebt, will ich in diesem Beitrag für LDL-Blogparade einige kritische Anregungen äußern, auch wenn die eigentliche Blogparade schon seit dem 5.Februar abgeschlossen ist:
- Anregung 1: Lernen durch Lehren ist keine Lehr-/Lernmethode im didaktischen Sinn. Ich kann mir gut vorstellen, dass Jean-Pol Martin ein guter Lehrer ist, einer von denen man viel mehr bräuchte: Menschen die Persönlichkeit haben, die Schülerinnen und Schüler als gleichberechtige Partner sehen, und deren Menschenbild die Fähigkeiten und Gedanken anderer als wertvolle Ressource ansieht. Den Lernstil, den Jean-Pol Martin für sich entwickelt hat und den er unter dem Label LDL zusammengefasst, ist damit aber ein sehr persönlicher und individueller Stil, der sich nicht als übertragbare und allgemeingültige Methode eignet. LDL ist also keine Methode, sondern eine Geisteshaltung. Die anthropologischen Grundlagen dieses Stils sollten für alle Lehr-/Lerninteraktionen gelten, egal ob es sich um E-Learning, Gruppenarbeit, Frontalunterricht oder LDL handelt.
- Anregung 2: Lernen durch Lehren ist Lehrer-zentriert. Letzlich hat auch beim LDL der Lehrer oder die Lehrerin immer noch eine zentrale Funktion als Organisator und Moderator des Lernprozesses. Sie greift ein, wenn die Schülererin die vorne steht den Überblick verliert oder einzelne Schüler abhängen. Das mag zunächst nichts negatives sein, letztlich ist aber die Frage, ob Schülerinnen und Schüler damit zu eigenständig Lernern werden können, die Verantwortung für eigenes Wissen und die eigene Entwicklung übernehmen können. Der Idealfall scheint mir zu sein, wenn sich der Lehrer langsam aus dem Lernprozess ausklinkt, und die Lerngruppe zur sich selbstorganisierenden Community wird. Hier ist aber in Frage zu stellen, ob sich im Gesamtklassenverband eine echte Learning-Community bilden kann, oder ob es dafür nicht kleinere Gruppen braucht.
- Anregung 3: Es gibt keine empirischen Belege, dass Lernen durch Lehren zu mehr Lernerfolg führt. Das LDL Schülern und Lehrern Spaß machen kann und verhindert das Unterricht langweilig und monoton ist hinreichend belegt. Das LDL sich außerdem einfach in das vorhandene Bildungssystem (mit einem sehr starren zeitlichen Raster, umgrenzten Fächern, festgelegten Curricula) zu integrieren ist, ist ein weiterer Vorteil. Aber lernen die Schüler mehr durch LDL als durch eine andere Methode oder geht es letztlich nur darum sozial kompetenter zu werden und das “Vorne-stehen” zu üben? Und – Im Sprachunterricht scheint LDL unmittelbar einsetzbar zu sein. Aber wie sieht es z.B. aus im Matheuntericht. Profitieren da auch noch die schwächeren Schüler von LDL?
Fazit: Es lohnt sich auf jeden Fall für angehende Lehrer und Lehrerinnen (oder solche, die es schon sind), sich mit der Methode LDL zu beschäftigen und daraus Anregungen für den eigenen Lehrstil und den eigenen Unterricht zu finden. Und da ist die Maschendraht-Community ein guter Einstieg.














Lieber Johannes,
ein schöner Artikel!
Zu 1) Ich gebe dir vollkommen recht: LdL ist meiner Ansicht nach nicht reine Methode, sondern überwiegend eine Grundhaltung.
Zu 2) Stimmt – die Lehrperson sichert die Rahmenbedingungen. Ich würde LdL aber trotzdem nicht als lehrerzentriert bezeichnen. Im Zentrum stehen die Schüler. Der Lehrer ist wichtig – deswegen steht er aber nicht zwangsläufig im Zentrum.
Zu 3) Ich selbst bin sehr interessiert an möglichen Einsatzszenarien im Matheunterricht. Es gibt einige Lehrer, die LdL im Matheunterricht einsetzen (wie beispielsweise Claus Hilgers oder Erich Hammer) und ebenfalls Positives berichten. Ein empirisches “Genauer-Hinsehen” insbesondere im Matheunterricht wäre aber auf jeden Fall sehr aufschlussreich – vielleicht mach ich das mal…
Viele Grüße,
Christian
Lieber Johannes,
danke für den Beitrag zur Diskussion um LdL.
ad 1) Für mich ist jede Lehr-/Lernmethode – und somit auch jede Didaktik – Ausdruck einer Geisteshaltung, selbst wenn es um die Frage geht, wie ich jemandem Rechtschreibung oder Bruchrechnung beibringe. Der Unterschied ist für mich, dass LdL dieses Geisteshaltung reflektiert und benennen kann. Welche Didaktik kann das schon. Ich gebe Ihnen aber Recht: LdL ist für mich eine Metamethode, ein Grundkonzept von Unterricht, in das reichlich weitere Methodiken und didaktische Überlegungen mit einfließen können.
ad 2) Lehrerzentrierung kann für mich in unterschiedlichem Maße geschehen, aber natürlich sind Lehrkräfte in der Schule diejenigen, die Lernarrangements schaffen. Deren Ziel ist es, die Lernenden in die Lage zu versetzen, in kooperativen Lernprozessen eigenständig mit anderen kooperieren zu können. Und der Lehrer klinkt sich aus dem Lernprozess aus, gibt den Lernenden immer mehr Verantwortung, zumindest im Idealfall, spätestens aber mit dem Ende der Schullaufbahn der Lernenden. Dieser Prozess kann optimiert werden, aber es kommt der Tag, an dem Lernende in der Lage sein müssen, den Lernprozess selbst zu gestalten.
ad 3) Immerhin ist wissenschaftlich belegt, dass ein Lernen, das Spaß macht, zu nachhaltigeren Erfolgen führt als eines, das mit Angst verbunden ist, denn die mit dem Lernen verbundenen Emotionen verbinden sich immer auch mit den Inhalten. (z.B. Mathetrauma).
(…)der sich nicht als übertragbare und allgemeingültige Methode eignet. LDL ist also keine Methode, sondern eine Geisteshaltung.(…)
- Seit 1980, als ich LdL entwickelt und verbreitet habe, haben tausende von Lehrern LdL in ihrem Unterricht erprobt und als Methode übernommen. Das ist alles wissenschaftlich dokumentiert, sogar in meiner Dissertation und in meiner Habilitationsschrift, die einen empirischen Teil mit der Befragung von 418 Lehrern enthält. Insofern ist LdL eine Methode (Schüler werden schrittweise befähigt, ihre Mitschüler zu unterrichten), die man in Fortbildungsveranstaltungen vermitteln kann und die von Kollegen nach einer Umstellungsphase angewandt wird. Ohne Zweifel ist die “Geisteshaltung”, die ich in meinen Schriften beschreibe, für die Anwendung von LdL förderlich, aber keine unverrückbare Voraussetzung.
(…)Der Idealfall scheint mir zu sein, wenn sich der Lehrer langsam aus dem Lernprozess ausklinkt, und die Lerngruppe zur sich selbstorganisierenden Community wird.(…)
- Richtig, das ist der Idealfall, den ich wie jeder andere auch anstrebe. “Ideal” bedeutet aber, dass es nicht zu verwirklichen ist. Das ist ein unerreichbares Ziel. Oder hast du dieses Ziel erreicht?
(…)Aber lernen die Schüler mehr durch LDL als durch eine andere Methode oder geht es letztlich nur darum sozial kompetenter zu werden und das “Vorne-stehen” zu üben?(…)
- Hierzu gibt es keine umfangreichen empirischen Untersuchungen, genauso wenig wie für andere schülerzentrierte Methoden. Dass die Schüler mehr lernen lässt sich höchstens intersubjektiv prüfen, also durch Selbstauskünfte der Schüler, und diese sind positiv. Dass meine Schüler immer die besten Noten beim Abitur erreichen liegt nicht unbedingt an der Methode, aber bei guter Interpretationslaune kann man zumindest LdL als möglicher Faktor anführen.
Und schlielich zur Lehrerzentrierung: dieser Begriff ist stets irreführend: es geht um Stoffzentrierung, auch im Frontalunterricht. Im Frontalunterricht geht man davon aus, dass die Schüler den Stoff am besten aufnehmen, wenn man ihnen diesen trichtermäßig verarbreicht. Im sog. schülerzentrierten Unterricht ist man der Ansicht, dass die Schüler sich die Inhalte besser aneignen, wenn sie sich direkt mit ihnen befassen, ohne dass der Lehrer sich zwischen Stoff und Schüler schieb und die Sicht des Schülers auf den Stoff verbaut. Der Lehrer ist dann Projektleiter und unterstützt den Schüler bei seinen Bemühungen, das Ziel (Erwerben der Inhalte) zu erreichen. In beiden Fällen (frontal vs. schülerorientiert) geht es um den Stoff und seine Aneignung durch den Schüler.
Danke für den Beitrag hört sich alles sehr gut an. Es macht spaß hier zu lesen nur weiter so.
Danke für die Kommentare.
@Christian empirsche Arbeiten zu LDL fände ich sehr spannend. Ich glaube ein großer Erfolgsfaktor der Methode oder Geisteshaltung, dass gut zum bisherigen Schulsystem passt und trotzdem das Potential hat es stückweise zu modernisieren.
@Herr Labig, ich denke der Begriff der Metamethode fasst es gut, was ich auch meine. In LDL durch Lernen ist viel Platz für weitere didaktische Ansätze und Ideen.
@Jean-Pol Martin Ein ganz besonderes Dankeschön für Deine Anmerkungen. Was die Ideale angeht, ich bin nicht als Lehrer tätig, weiß also nicht ob ich es es erreichen könnte, dass Schüler wirklich selbstständig Lernen. Es sollte aber denke ich das Ziel sein, dass Individuuen selbst die Verantwortung übernehmen für das was sie lernen und wissen wollen. Irgendwann gibt es keinen Lehrer mehr, der hier die Schaffung von Lernaragements übernimmt. Ich weiß nicht, ob das mit LDL möglich wird.
Warten wir’s ab (Lernen ohne Lehrer). Ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde!.-)))
naja, spätestens im Studium oder im Berufsleben sollte es ja möglich sein, ohne die Anleitung und Moderation eines Lehrer mit d Informationen umgehen zu können und neue Wissen zu konstruieren.
Naja, aber mir wäre das Studium leichter gefallen wenn mir geholfen hätte (Lehrer) beim lernen. Das sogenannte Selbststudium ist nicht jedermanns Sache.
Es gibt keine Universalmethode fürs Lernen. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus und seine eigenen Strategien, Fakten und Sachverhalte in den Kopf zu bekommen. Ich habe lieber für mich und ohne Ablenkungsquellen wie Fernseher oder Radio gelernt. Mit Freunden wurde auch größtenteils gequatscht;-)
Lernen ohne Lehrer kann ich mir aber nicht vorstellen. Irgendwann treten zwangsläufig Fragen auf, und wenn man dann keinen Ansprechpartner hat, hilft das ganze Selbststudium nichts!