Heute ein Gastbeitrag von Elisabeth Arzberger und Petra Luik zum Thema Informationsverarbeitung in Gruppen.
In vielen Situationen müssen Menschen in Gruppen gemeinsam Informationen verarbeiten: Autoren erstellen zusammen einen Wikipedia-Artikel, eine Gruppe von Studierenden bereitet ein Referat vor, ein Team in einem Unternehmen entwickelt ein neues Produkt.
Aber wie funktioniert die Informationsverarbeitung in Gruppen. Wie beeinflussen sich individuelle Gedächtnisprozesse gegenseitig, wie entsteht neues Wissen. Gibt es gar so etwas wie ein „Gruppengehirn“. Genau diese Frage greift der Artikel von Hinsz, Tindale, & Vollrath (1997) „The Emerging Conceptualization of Groups as Information Processors“ auf.
Unterschiede zwischen individueller Informationsverarbeitung und Informationsverarbeitung in Gruppen
Ausgangspunkt für die Überlegungen bezüglich der Informationsverarbeitung in Gruppen ist ein allgemeines Informationsverarbeitungsmodell. Die Autoren vergleichen die Informationsverarbeitung in Gruppen mit der individuellen Informationsverarbeitung. Gleichzeitig ist es den Autoren anhand der Nennung zahlreicher empirischer Studien gelungen, den Leser auf grundlegende Unterschiede und eine notwendige Unterscheidung zwischen den Verarbeitungsprozessen aufmerksam zu machen.
Zum Beispiel gibt es beim Treffen von Entscheidungen zahlreiche und grundlegende Unterschiede zwischen Individuen und Gruppen. Wesentlich mehr Aspekte der Informationsverarbeitung innerhalb Gruppen müssen deshalb unterschieden und betrachtet werden, beispielsweise welche Information geteilt wird, welches Ziel (individuell vs. Gruppe) verfolgt wird, etc.
So ist es meines Erachtens nicht möglich, das komplette Modell, welches ursprünglich für die Erklärung der Informationsverarbeitung bei Individuen aufgestellt wurde, auch auf die Informationsverarbeitung innerhalb Gruppen zu übertragen. Unterschiede zeigen sich schon bei der Verarbeitungsgrundlage und ziehen sich durch das Modell hindurch bis zum Feedback.
Beispielsweise beeinflussen Gruppenzusammensetzung und Status der Mitglieder die Verarbeitungsgrundlage, die bloße Anwesenheit Anderer lenkt schon die Aufmerksamkeit eines Gruppenmitglieds weg von der Aufgabe hin zu dem Mitglied selbst. Zeitdruck hingegen wird sich vermutlich sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen auf ähnliche Weise auswirken (weniger genaue Betrachtung der Infos, möglichst schnelle Lösung, Verzerrung). Einleuchtend ist auch, dass Gruppen bei der Speicherung von Informationen im Vorteil sind, allein aufgrund der Tatsache, dass sie aus mehreren Personen bestehen (mehr Speicherkapazität).
Hinzu kommt noch die Nutzung von impliziten Strategien (transaktives Gedächtnis), wodurch jedes Mitglied andere Infos speichert und die Gruppe so noch effizienter speichern kann. Interessant wäre es dabei zu untersuchen, wie Speicherung in Gruppen noch verbessert werden könnte, denn laut Hinsz et al. (1997) wird nur 70% der Speicherkapazität wirklich genutzt.
Lernen als Informationsverarbeitung in Gruppen
Nun stellt sich die Frage, wo Lernen angesiedelt werden müsste. Sicher ist, dass Lernen in dem Dreierkomplex aus Enkodierung, Speicherung und Abruf abläuft. Problematisch in Gruppen ist dabei, dass dieses Lernen bei jedem Mitglied anders aussehen kann, sich die Gruppe aber anschließend auf eine gemeinsame Antwort einigen muss. Diese Schwierigkeit haben Individuen nicht. Auch nach dem Feedback wird wohl Lernen stattfinden, weil man durch Rückmeldung seine Entscheidung als gut oder schlecht bewerten kann und dieses Wissen dann auf nachfolgende Problemstellungen und Aufgaben anwenden kann.
Laut Autoren gibt es im Modell deshalb keinen eigenständigen Verarbeitungsschritt „Lernen“, da es alle Bereiche umfasst, die das Modell beinhalten. Meiner Meinung nach ist der Zeitpunkt, wann in einer Gruppe Lernen stattfindet, auch abhängig von der Anzahl der Diskussionsrunden. Diskutiert die Gruppe ein neues Thema zum ersten Mal und nur so lange, bis eine gemeinsame Antwort gefunden wurde, dann müsste man den Prozess „Lernen“ bei der Speicherung, noch vor Abruf der Information ansiedeln.
In Gruppen kommt es dann im Lauf der Zeit zu einer Steigerung des transaktiven Gedächtnisses, was zu einer besseren Koordinierung und Differenzieren einzelner Fähigkeiten und damit zu einem besseren Abruf führt.
Aufgrund der zusätzlichen Gegebenheiten, die bei der Verarbeitung in Gruppen auftreten, stellt sich letztlich die Frage, inwieweit es nicht sinnvoller wäre, ein vom allgemeinen Verarbeitungsmodell bei Individuen komplett unabhängiges und verschiedenartig aufgebautes Modell zu erstellen. Dieses Modell sollte gezielt die Unterschiede und Zusatzkomponenten aufgreifen, um dadurch die Verarbeitungsprozesse innerhalb Gruppen besser erklären zu können.
Hinsz, V., Tindale, R., & Vollrath, D. (1997). The emerging conceptualization of groups as information processors. Psychological Bulletin, 121 (1), 43-64 DOI: 10.1037/0033-2909.121.1.43


1 comment
Sandra | am 8. Juni 2010 um 22:15 Uhr
Ein sehr interessantes Thema. Ich denke der Faktor Motivation spielt beim Unterschied zwischen lernen in der Gruppe und lernen alleine eine besondere Rolle.