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» Dieser Artikel wurde am
21. Dezember 2009
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Twitter systemtheoretisch betrachtet | ein Rahmenmodell

Jan Schmidt (2009) stellt in seinem Blog eine Abbildung zur Diskussion, mit der er “die spezifische Architektur des Kommunikationsraums von Twitter visualisieren” möchte. Das finde ich eine spannende Idee und stelle hiermit eine alternative Konzeption vor, die auf dem Ko-Evolutionsmodell von Cress und Kimmerle (2008) basiert. Die Idee des Ko-Evolutionsmodells ist die systemtheoretische Annahme, das Lernen und gemeinsame Wissenskonstruktion als gemeinsame Entwicklung von kognitiven Systemen und sozialen Systemen verstanden werden kann. Beide Systeme beeinflussen sich gegenseitig (sie stören sich) und regen einander zur Weiterentwicklung an.

Anders als bei dem Vorschlag von Jan Schmidt, nehme ich keine zwei Systeme („Spären“) an, die der Verfolgten und der Follower, sondern gehe von einem sozialen System twitter.com. Dieses soziale System ist durch seine Systemgrenzen definiert, nämlich durch die Differenz zwischen System und Umwelt und operiert im Modus „schriftliche Kommunikation in 140 Zeichen“.  Zweiter wichtiger Baustein ist das kognitive System eines Nutzers,  gekennzeichnet durch Operationen wie Denken, Wahrnehmen, Problemlösen. In der Abbildung habe ich das kognitive System des Nutzers vereinfachend „me“ genannt. Beide Systeme („twitter.com“ und „me“) entwickeln sich zunächst unabhängig voneinander dynamisch weiter (vgl. das Konzept der Autopoiesis). Wegen der operativen Geschlossenheit beider Systeme (beide Systeme operieren in unterschiedlichen Operationsmodi) kann es nicht zu einem direkten Austausch von Informationen kommen. Die beiden Systeme können nur in einen Austausch miteinander treten, in dem sich gegenseitig stören (vgl. das Konzept der strukturellen Kopplung) und die Operationsweise des anderen Systems „imitieren“ und sich auf den gemeinsamen Modus „ schriftliche Kommunikation in 140 Zeichen“ einigen. Dann entscheidet ein binärer Code darüber ob etwas Teil des Systems wird oder nicht. Ich unterscheide input codes (die entscheiden ob etwas empfangen wird) von output codes (solche die entscheiden, ob etwas gesendet wird). Diese binären Codes entsprechen dem, was Jan Schmidt als Selektionen bezeichnet.

Der erste Code entscheidet, ob Kommunikation prinzipiell möglich wäre: Austausch findet nur statt, wenn ich jemanden folge (input) und jemand mir folgt (output). Der zweite Code bezieht sich auf die Frage ob eine Nachricht wahrgenommen (input) bzw. abgesendet wird (output). Der dritte Code entscheidet über ob eine Information anschlussfähig ist, also in das System integriert wird. Die drei Codes sind in meinem Modell hierarchisch angelegt. Erst wenn alle drei Codes durchlaufen sind, wird eine Information Teil eines Systems. Bei allen drei Codes wird die also doppelte Kontingenz deutlich, die erst überwunden werden muss, damit Kommunikation stattfindet. Mit diesen drei Codes lässt sich auch modellieren, wann eine Informationen aus den Kreis meiner Verfolgten von mir an meine Follower gesandt wird. Hierzu kann zum Bespiel der Code “Senden” um weitere Selektionskriterien ergänzt werden, z.B. die Aktualität des Themas, den Neuheitswert für die Follower oder die eigene Kompetenz in Bezug auf das Thema.

Soviel in aller Kürze, zum Schluss: Ich freue mich auf Kommentare, Anregungen, Feedback.

References

Schmidt, Jan (2009). Öffentlichkeiten und Informationsselektion bei Twitter. Retrieved December 21, 2009, from Schmidt mit Dete Web site: http://www.schmidtmitdete.de/archives/595

Cress, U., & Kimmerle, J. (2008). A Systemic and Cognitive view on Collaborative Knowledge Building with Wikis. International Journal of Computer-Supported Collaborative Learning, 3 (2), 105-122.

Der Artikel wurde am Montag, den 21. Dezember 2009 geschrieben. Er ist abgelegt unter folgenden Kategorien: Wissenschaft. Er ist mit folgenden Tags versehen: . Sie können hier einen Trackback senden Trackback zum Artikel anlegen. Kommentieren Sie den Artikel und lassen Sie sich bei neuen Kommentaren Feed für Kommentare automatisch benachrichtigen.

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Kommentare (8)

1

Steph

schrieb am 26. Dezember 2009 um 00:41 Uhr:

Hmmm…interessanter Artikel, von einer mir völlig fremden Welt, aber danke vielmals für den kurzen Einblick. Um mehr davon zu erfahren müsste ich wohl einen Detektiv engagieren ;-)

2

Heinz Wittenbrink

schrieb am 29. Dezember 2009 um 13:20 Uhr:

Danke für den Beitrag! Ich finde ihn erhellend, was die Systemtheorie angeht. Ich möchte (nach nur einmaliger Lektüre) ganz naiv fragen: Was erklärt dieses Modell? Der Witz von Twitter liegt doch zu einem großen Teil in der Einbettung in Kontexte und vor allem in der Verlinkung der Tweets, vielleicht auch in Phänomenen wie dem Retweeten und dem Ansammeln von Reputation. Bringt mir eine Modell etwas, das diese Phänomene absperrt? Und wenn sie sich integrieren lassen, kann man dann Twitter noch als “System” verstehen?

3

Burkhard Tomm-Bub, M.A. / BukTom Bloch

schrieb am 29. Dezember 2009 um 19:52 Uhr:

Guten Tag,
ja, ich denke auch, das ist eine recht saubere Beschreibung der einfacheren Dinge, die bei twitter passieren in systemtheoretischer Nomenklatur.
Nicht weniger. Aber wohl auch nicht mehr.
Nun ja, aber: das könnte ein guter Anfang sein.
Dasselbe noch einmal, aber anhand eines Beispieles. Dann eine zeitlich perspektivische Untersuchung. Wer oder was entwickelt sich und wie? Derartiges würde mich sehr interessieren.
Es gibt da eine Arbeit von mir zum Thema Alkoholismus: ““Einstellungsänderungen:
Die Anwendung einfacher Modelle an einem Praxisbeispiel“”, ab S. 21 im entsprechenden Abschnitt des pdf-file. Da habe ich anhand eines konkreten Phänomens versucht, einfache systemtheoretische Modell entsprechend anzuwenden.
Nicht ganz vergleichbar, aber das dynamische und alltagserklärende Element, das ich meine, kommt dort recht gut heraus, wie ich glaube.
MfG
BukTom
P.S.: Fast vergessen- hier der Link:
http://www.arslongavitabrevis.de/

4

Fritz

schrieb am 7. Januar 2010 um 12:20 Uhr:

Ich finde deine Erklärung/Theorie zum System interessant. Ich würd eigentlich gern noch ein wenig ausführlicher zu diesem Thema lesen. Vielleicht schau ich mal in das Informationsselektion Buch von Jan Schmidt.

Dass Twitter und ich in Austausch miteinander treten, indem wir uns gegenseitig “stören” hat mich zuerst zum Schmunzeln gebracht. ;)

5

Rene

schrieb am 11. Januar 2010 um 02:11 Uhr:

Twitter verdeutlicht eigentlich sehr schön die Systemtheorie. Denn nicht alles was bei Twitter statt findet ist nach der systemtheoretischen Definition Kommunikation. Wenn wir die Anschlussfähigkeit und den Anschluss überprüfen. Nicht auf jeder meiner Äußerung wird eingegangen, nicht jede Äußerung erlangt Systemrelevanz im Sinne von Resonanz. Als Operation müssen die 140 Zeichen angesehen werden. Mit den Input und Output Faktoren tue ich mich schwer. Wenn wir die Analogie zu Einzahlung und Auszahlung suchen, stoßen wir auf die Problematik, dass ein großer Teil der Kommunikation erst einmal nur auf mich bezogen ist und zwar die Operation nutzt, aber nicht an eine vorherige Kommunikation des Systemes anschließen muss.

6

Reise

schrieb am 1. Februar 2010 um 16:51 Uhr:

Also ich nutze Twitter seit kurzem auch und muss sagen, dass es mir ganz gut gefällt.
Habe schon ziemlich schnell über 100 Follower bekommen, denn es gibt ja verschiedene Dienste, wo man sich eintragen kann und ein paar Leuten folgen muss.
Dann folgen andere Leute einem aber auch.

Man kann dort gut für die eigene Seite werben und bekommt auch viele Klicks.
Das Bild im Artikel oben stellt das ganze eigentlich ganz gut dar.

7

Antonio

schrieb am 9. Februar 2010 um 16:06 Uhr:

Ich bin sehr neugiereig auf Twittern, hab ich noch nie gemacht. Hab aber auch erst seit kurzem überhaupt Internet trotz Schufa.

8

Patrick Schwarz

schrieb am 11. Februar 2010 um 15:35 Uhr:

Ich bin auch sehr an Twitter interessiert, da es ja mittlerweile so gut wie jeder nutzt. VIelen Dank für die umfassenden Informationen hier.

Werde mir das Twittern jetzt mal anschauen.:)



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